“Bellof durch die Schallmauer”

So lautete die dicke Überschrift in der Rallye Racing. Die Journalisten überschlugen sich. Erstmals hatte ein Pilot die 200 km/h - Marke auf der gefürchteten Nürburgring-Nordschleife geknackt. Die Fahrerkollegen staunten ungläubig. Die Fans am Ring waren fasziniert. An diesem Samstag, dem 28. Mai 1983, durften sie etwas miterleben, was es noch nie gab, und nie wieder geben sollte. Und dessen waren sie sich bewusst. Sie hatten gerade Nürburgring-Geschichte live miterlebt.

Überschrift der Rallye Racing vom Juli 1983

Training

Man hatte einiges erwartet von Stefan Bellof. Im Jahr zuvor brannte er mit dem Maurer-Formel 2 die zweitschnellste Rennrunde, die je auf der kompletten Nordschleife gefahren wurde, in die Bahn - nur 1/10 sec. langsamer als der absolute Rekord von Clay Regazzoni mit dem F1-Ferrari. Und das bei seinem ersten Rennen auf dem Nürburgring! Im Langstreckenrennen zuvor fuhr Stefan mit Rennreifen Zeiten, die den bisherigen Porsche-Stars nur mit Qualifiers gelangen. Als Stefan dann Qualifiers bekam, deklassierte er Ickx und Co. um über 2 Sekunden - in seinem ersten Gruppe-C-Rennen für Porsche wohlgemerkt!

Die Konkurrenz für Stefan war groß. Zuerst war da das Schwester-Auto mit Mass/Ickx (interne Bezeichnung “MIX”). Der amtierende Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg fuhr mit Lammers und Palmer den modifizierten Lloyd-Porsche.  Lancia brachte den LC2 mit Patrese/Alboreto an den Start. Je ein privater LC2 mit Paolo/Barilla (den Lancia für 180.000 Dollar offiziell an das Mirabella-Team verkaufte) und ein LC1 mit Larrauri/Sigala komplettierten die Lancia-Streitmacht.  Brun-Motorsport vertraute auf den Sehcar SHS C6 mit BMW-Triebling. Gefahren wurde der Wagen von Walter Brun selbst und Strietzel Stuck.  Bob Wollek und Stefan Johansson fuhren den Joest-956. Weitere 956 wurden von Obermeier und Fitzpatrick an den Start gebracht. Insgesamt ein starkes Fahrerfeld mit großen Namen. Ein dritter Werks-956, technischer Stand 1982, wurde mit einer Kamera versehen und lieferte faszinierende Inboard-Bilder.

Bild links: Der Veranstalter sicherte sich finanziell ab, indem er mit Bitburger und Peugeot Verträge aushandelte. Ergebnis: Das “Bitburger ADAC 1000 km” -Rennen und eine Peugeot-Parade vor dem Rennen spülten, zu den Einnahmen der  30.000 Zuschauer, 180.000 DM in die Kassen des ADAC. 

Nebenbei: Keke Rosberg sollte ursprünglich den 956 von Jöst fahren. Der Jöst-956 gehörte Dieter Schornstein. Wer sich gegen Rosberg entschied ist nicht bekannt, jedenfalls kam Rosberg noch bei Lloyd unter. Dafür verhinderte Ford den Start der beiden C100, die Erich Zakowski gerne eingesetzt hätte.

Wie fährt sich ein Groundeffekt-Auto auf der Nordschleife? Bob Wollek: “Das macht keinen Spaß mehr, mit diesen Autos um den Ring, mein Auto springt wie ein Hirsch, vor allen Kuppen lupfe ich.” Keke Rosberg: “Ich fühle mich nur noch als Passagier. Ich habe das Auto nicht voll unter Kontrolle.”  Andere Fahrer äußerten sich ähnlich.

Daß Bellof unter diesen Vorzeichen dann eine 6:11.13 min in die Bahn brannte, den Rundenrekord aus der Formel 2 also um 17 Sekunden unterbot, war umso bemerkenswerter. Stefan Bellof: ”Eine schnelle Runde ist im 956 weitaus härter als im Formel 2.”

Dazu Peter Wyss in der damaligen MSa: “6:11,13 - den Zuschauern stockte der Atem, die Streckensprecher überschlugen sich am Mikrofon, und die Zeitmessung kontrollierte die Uhren. Stefan Bellof hatte im Abschlusstraining als erster Fahrer die 200-km/h-Schallmauer auf der Nordschleife durchbrochen. Ein Schnitt, besser als Niki Lauda seinerzeit mit dem Ferrari Formel 1. Da wurde es allen trotz der für diese Jahreszeit sogar in der Eifel ungewohnt bissigen Kälte richtig warm ums Herz”.

Was man nach Stefans Fabelzeit in Silverstone schon vermutet hatte, traf also prompt ein. Der Giessener Sunnyboy im Porsche-Herrenteam deckte das wahre Potential dieses Superrenners aus Zuffenhausen auf.
«Ich sagte dir ja, dass eine Zeit zwischen 6:10 und 6:15 drin liegt, aber du hast mir ja nicht geglaubt», belehrte mich Bellof eines besseren. «Aber ich muss ehrlich zugeben: viel schneller geht es nun wirklich nicht. Zweimal ist mir in dieser Runde das Bremspedal durchgefallen, ich musste vor den Ecken pumpen, das war bei dieser Geschwindigkeit etwas unangenehm. Dafür hatte ich praktisch eine freie Strecke und wurde nie wirklich behindert. Komischerweise drehte ich diese Runde gar nicht mit meinen richtigen Qualifikationsreifen. Denn die habe ich vorher aufgebraucht, als mir in einer Runde drei Konkurrenten im Wege standen. Danach ging Bell mit seinen Qualifiers auf Zeitenjagd, in der Zwischenzeit hatte man für mich nochmals einen Satz aus Ickx' und meinen übriggebliebenen Reifen zusammengewürfelt. »

Jochen Mass war, wie meistens, schneller als Ickx. Er stellte das Sister-Car dann mit einer 6:16,85 min auf den zweiten Startplatz. Jochen war es dann auch, der den ersten Turn gegen Bellof fahren musste.

Die Lancia-Piloten hatten besondere Abstimmungsprobleme. Dazu Patrese: “Das Auto ist hier unfahrbar, selbst wenn man auf der Geraden vom Gas geht, steht man schon quer.” Fiorio hatte noch kurz vor Beginn des Abschlußtrainings verkündet, daß man so schnell wie die Werks-Porsche fahren werde. Tatsächlich bekam man dann satte 30 Sekunden verbraten. 

Bilder aus dem Boxenbereich (auf das Bild klicken)

Das Trainingsergebnis:

Rennen

Am Renntag war das Wetter durchwachsen. Die Strecke jedoch war, bis auf Teile der Döttinger Höhe, abgetrocknet. Beide Werks-Porsche, Rosberg, Lässig und Grohs starteten auf Slicks - und hatten damit richtig gegambelt.

Die Einführungsrunde. Da die Betonschleife bereits zerstört war, ging es über die komplette Nordschleife.

Der Boss-Porsche in der Einführungsrunde

Das Feld wurde dann nicht bei Start/Ziel, vor der T13, sondern Anfangs der Döttinger Höhe freigelassen. Man befürchtete einen Crash in der ersten engen Kurve, da das Feld nach der kurzen “Geraden” vor der T13 noch dicht beisammen gewesen wäre. Auf der langen Geraden der Döttinger Höhe konnte sich das Feld auseinanderziehen. Pole-Mann Bellof wurde, da er auf der feuchten Gerade mit Slicks im Nachteil war,  beim Start von einigen Wagen überholt. Aber bis Kallenhard hatte er sich wieder an die Spitze gefahren.

1. Runde, Hohe Acht: Bellof kommt als Leader vorbei

Patrese hat den Lloyd-Porsche überholt

Lancia hatte seinen Reifenlieferanten Pirelli arg vergrätzt, man startete am Ring mit Dunlop-Reifen. Pirelli musste diese Entscheidung wohl oder übel akzeptieren und verstärkte die Entwicklungsarbeit um wenigstens in den folgenden Rennen konkurrenzfähige Reifen liefern zu können. Für den Fall starken Regens lagen trotzdem Pirelli -Regenreifen bereit.

Bob Wollek - Bellof ist bereits vorbei

Stucks Sehcar - noch in einemTeil...

Stuck kämpfte mit dem Sehcar. Nach eigener Aussage brauchte Stuck auf der Döttinger Höhe fünf Hände, um den Wagen auf der Bahn zu halten.

Stefan im Karussell

Bellof nahm Mass in der Folge gut 10 Sekunden pro Runde ab. Das war auch nötig, da Teamkollege Bell wahrscheinlich gegen Ickx viel Zeit verlieren würde. Und so kam es dann auch. Allerdings war die Fahrerpaarung Bellof/Bell in der Summe schneller als Mass/Ickx. Hinter Bellof und Mass bezogen Rosberg, der sich beim Start überrumpeln ließ, Wollek und der Werks-Lancia die Positionen.

Jochen im Karussell - hinter Stefan der absolut schnellste Mann am Ring

Jochen Mass fuhr im Training eine 6:16.85 min. Eine großartige Zeit! Und auch im Rennen war nur Stefan schneller als Jochen. Jochen hatte das Pech, daß Stefan fantastische Zeiten fuhr. Ohne Stefan wäre Jochen der Star der Nordschleife gewesen, so aber ging seine Leistung -ungerechterweise- im Schatten der Bellof-Show unter.

F1-Weltmeister Keke Rosberg

Jürgen Lässig im wunderschönen Boss-Porsche

Obwohl er vorher nie einen 956 fuhr, war er der schnellste Mann im Team: Keke Rosberg

Der Lancia LC2 fuhr “richtig” durch das Karussell.

Wollek/Johansson im Jöst-Porsche

Der Jöst-Porsche kämpfte mit technischen Problemen. Der Ladedruck baute sich zu langsam auf, und man musste ohne dritten Gang auskommen. Trotzdem langte es für einen beachtlichen zweiten Platz.

Nebenbei: Eine Interessengemeinschaft (IG 956-104) kümmert sich heute um dieses Fahrzeug. Man kann den Wagen u. a. für verschiedene Zwecke mieten: IG 956-104

Fitzpatrick/Hobbs verloren wegen eines Aufhängungsschadens einen sicheren 2. Platz

Der Kunden-Lancia-LC2. Für 180.000 Dollar verkauft Lancia seine LC2.

Für Lancia gab es am Ring nichts zu holen. Beide LC2, mit Ferrari-Triebwerk, fielen mit Differentialschaden aus.

Mit einem Vorsprung von 1:37 min übergab Stefan den Wagen an Derek Bell. Diesen Vorsprung nahm Ickx Bell zum größten Teil wieder ab. Bell übergab den Wagen zwar immer noch mit Vorsprung wieder an Bellof, aber es war klar, daß Bellof bis zum nächsten Boxenstopp wieder einen großen Vorsprung rausfahren mußte, um in Führung zu bleiben.

So gesehen war die Fahrerpaarung der Werks-Porsche ausgeglichen: Die beiden schnellsten Fahrer, Bellof und Mass, fuhren nicht als Team.

Bellof übernahm also den Wagen wieder von Bell und begann den Vorsprung wieder auszubauen. Nach der ersten Runde hatte er schon wieder einen Vorsprung von 16 Sekunden. 17. Runde: Neuer Rundenrekord. Dann der Horror -Abflug in der 20. Runde im Pflanzgarten.  Allgemein wurde angenommen, daß der Porsche von Bellof Unterluft bekam und sich deshalb überschlug. Es gab aber auch Gerüchte, wonach am Wagen von Bellof die Aufhängung brach, genau wie am Wagen von Mass einige Runden später. Und auch am Sehcar von Walter Brun und dem 956 von Fitzpatrick brachen Teile der Aufhängung. Die Nordschleife ist halt nicht nur die schönste und schwierigste Rennstrecke der Welt, sondern auch für Fahrer und Material die härteste Strecke.

Stuck hetzt den Werks-Lancia - das Ziel sah keiner

Bis zum Rennabbruch lag der Werks-Lancia auf einem guten 5. Platz. Zum Neustart wollte der Wagen jedoch nicht mehr anspringen. Fremdstarten aber war verboten. Angeblich half die abfallende Boxengasse, daß der Lancia von selbst wieder ansprang. Der drohenden Disqualifikation entging der Lancia dann durch Ausfall.

Die letzten Runden der “2”.

Der Sehcar-BMW nach dem Crash

Walter Brun, der zum Unfallzeitpunkt im Auto saß: “Irgendwas brach vorne, der Wagen flog im spitzen Winkel sofort auf die Leitplanken zu, ab dann fehlt mir die Erinnerung.”

Nach dem Brun-Unfall wurde das Rennen in der 26. Runde abgebrochen.

Mass/Ickx, die Sieger des Rennens

Nachdem Bellof/Bell aus dem Rennen waren, gab es für Mass/Ickx keine Gegner mehr. Man hatte gut 5 Minuten Vorsprung aus dem ersten Rennen und mußte den Wagen nur ins Ziel tragen. Dabei brach jedoch die Aufhängung des Werks-Porsche. Nach einer 10:19 min dauernden Runde schleppte Mass den Wagen an die Box. In der Rekordzeit von unter 6 Minuten reparierten sie die Aufhängung des Werks-956 und so gewannen Mass/Ickx das letzte Rennen zur Langstrecken-WM auf der Nordschleife.

Das Rennergebnis: